Christoph Sagemüller (Mercedes-AMG Motorsport) im Interview: Was die Nordschleife und das 24‑Stunden-Rennen am Nürburgring für die Automobilindustrie bedeuten

06.05.2026

Christoph Sagemüller von Mercedes‑AMG Motorsport gibt Einblicke, warum die Grüne Hölle und das 24h Nürburgring entscheidende Impulsgeber für Entwicklung und Markenidentität sind.

Welche Bedeutung hat das 24h-Rennen für Ihre Marke?              
Das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring ist für Mercedes-AMG eines der wichtigsten Motorsportereignisse weltweit – nicht nur historisch, sondern vor allem auch strategisch. Für uns ist der Langstreckenklassiker ein Event, bei dem sich unsere Marke unter extremen Bedingungen beweisen muss. Als Motorsportverantwortlicher messe ich den Erfolg dort jedoch nicht ausschließlich am Ergebnis, sondern auch daran, ob wir unseren Performance-Ansprüchen unter realem Wettbewerbsdruck gerecht werden. Gesamtsiege wie 2013 und 2016 haben für uns deshalb eine besondere Bedeutung. Sie sind nicht nur sportliche Erfolge, sondern auch ein klarer Beleg für die Leistungsfähigkeit unserer Marke.

Welche Bedeutung hat die Nordschleife für Ihre Marke?
Für uns ist sie der ultimative Härtetest. Was hier funktioniert, funktioniert unter nahezu allen Bedingungen. Diese Rolle geht weit über den Motorsport hinaus. Die dort gewonnenen Erkenntnisse fließen unmittelbar in unsere Serienfahrzeuge ein, insbesondere in den Bereichen Fahrdynamik, Langzeitbeanspruchung und Performance unter extremen Bedingungen.

24h-Rennen gibt es überall auf der Welt. Für viele macht die Nordschleife des Nürburgrings den Unterschied. Wie sehen Sie das und warum?
24-Stunden-Rennen gibt es viele. Jedes mit eigenem Charakter, doch keines vereint so viele Herausforderungen gleichzeitig wie die Nürburgring Nordschleife, die nicht ohne Grund auch als „Grüne Hölle“ bekannt ist. Der entscheidende Unterschied liegt in der Streckenlänge sowie in der Kombination aus anspruchsvoller Charakteristik, dichtem Verkehr mit bis zu 150 Fahrzeugen unterschiedlichster Leistungsklassen und oft stark wechselnden Witterungsbedingungen – bei Tag und bei Nacht. Diese Komplexität macht das Rennen einzigartig und aus meiner Sicht zum anspruchsvollsten 24-Stunden-Rennen weltweit. Hinzu kommt eine emotionale Komponente: Durch die Nähe zu Affalterbach, den Entwicklungsstandort vor Ort und enge Verbindungen in die Region hat dieses Rennen für uns den Charakter eines Heimrennens.

Welche Attribute und Emotionen verbinden Sie generell mit der Nordschleife, und was macht diese Strecke beim 24h-Rennen noch einmal so besonders?
Die Nordschleife steht für maximale Intensität, Präzision und Respekt. Sie ist eine der herausforderndsten Strecken der Welt. Sie verlangt von Fahrerinnen und Fahrern ebenso wie von der Technik ein außergewöhnlich hohes Maß an Konzentration und Disziplin. Aber genau das macht ihren Reiz aus. Gleichzeitig entsteht durch die Fans, die Teams und die besondere Atmosphäre entlang der Strecke ein einzigartiges Erlebnis, das es in dieser Form kaum ein zweites Mal gibt. Für uns als Marke wird diese Verbindung durch eigene Touchpoints wie die AMG Lounge oder Tribüne zusätzlich erlebbar – das schafft Nähe und macht die Marke vor Ort greifbar.

Was braucht es konkret, um auf der Nordschleife und am Ende auch beim 24h-Rennen erfolgreich zu sein?
Ein Erfolg beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring ist immer das Ergebnis eines perfekt abgestimmten Gesamtpakets. Aus meiner Sicht sind folgende Faktoren entscheidend: eine perfekte Vorbereitung, fehlerfreie Abläufe im Team, ein sauberes und vorausschauendes Navigieren durch den Verkehr sowie eine klare strategische Disziplin über die gesamte Renndistanz. Alles, was darüber hinausgeht und dieses Rennen von den meisten anderen unterscheidet – etwa unerwartete Bedingungen, dichter Verkehr mit Fahrzeugen sehr unterschiedlicher Leistungsklassen und entsprechend großen Geschwindigkeitsunterschieden sowie der Rennverlauf insgesamt – lässt sich nur begrenzt beeinflussen. Deshalb gehört neben der Vorbereitung auch immer ein gewisses Maß an Rennglück dazu.

Wenn man seit Jahren am Nürburgring entwickelt und testet: Warum braucht es im Vorfeld des 24h-Rennens überhaupt noch spezifische Nordschleifen-Tests? 
Die Nordschleife stellt jedes Jahr neue Anforderungen, deshalb ist eine gezielte Vorbereitung unverzichtbar. Veränderungen an der Strecke, unterschiedliche Witterungsbedingungen, neue Reifenspezifikationen sowie wechselnde Fahrer- und Teamkonstellationen machen es notwendig, jedes Detail neu zu validieren. Gerade in diesem Jahr kommt hinzu, dass wir mit neuen Teamstrukturen arbeiten. Umso wichtiger ist es, dass sich alle Abläufe und Abstimmungen im Vorfeld unter realen Bedingungen einspielen. Auch unsere langjährigen und sehr erfahrenen Fahrer benötigen und wünschen sich ausreichend Vorbereitungszeit auf der Nordschleife, um sich bestmöglich auf das Rennen vorzubereiten. Denn auch wenn man immer wieder auf der Strecke fährt, ist die Kombination aus Nordschleife und Grand-Prix-Kurs mit rund 25 Kilometern außergewöhnlich lang. Rechnet man das auf andere Rennstrecken um, wird schnell klar, wie viel intensiver die Vorbereitung ausfallen muss.

Welche Rolle spielt die Nordschleife für Ihre Marke als Test- und Entwicklungsstandort für den Renneinsatz sowie für Serienfahrzeuge und Endkundenprodukte?
Die Nürburgring Nordschleife zählt für Mercedes-AMG zu den wichtigsten Entwicklungsstandorten weltweit. Sie ermöglicht es uns, Belastungen und Fahrzustände in einer Intensität und Dichte zu testen, die im normalen Straßenbetrieb nicht darstellbar sind. Ein auf der Nordschleife gefahrener Kilometer unter Hochgeschwindigkeitsbedingungen entspricht dabei einem Vielfachen eines Standardkilometers im Straßenbetrieb. Daraus entsteht ein entscheidender Mehrwert für unsere Serienfahrzeuge. Motorsport ist dabei ein zentraler Treiber: Erkenntnisse aus dem Renneinsatz fließen direkt in die Entwicklung unserer High-Performance-Modelle ein – mit dem Ziel, Performance und Zuverlässigkeit unter Extrembedingungen für unsere Kundinnen und Kunden erlebbar zu machen.

Wo liegt die Schnittmenge zwischen dem Renneinsatz und Produkt für den Endkunden / dem normalen Straßenverkehr?
Die Schnittmenge liegt vor allem in der Technologie, im Know-how und in der Entwicklungsphilosophie. Themen wie Aerodynamik, Fahrwerk, Thermomanagement und Effizienz werden im Motorsport unter extremen Bedingungen erprobt und anschließend in die Serie übertragen. Unser Anspruch ist es, Performance glaubwürdig von der Rennstrecke auf die Straße zu bringen. Ein aktuelles Beispiel ist die parallele Entwicklung unseres neuen Mercedes-AMG GT3 und der nächsten Generation des straßenzugelassenen Mercedes-AMG GT Black Series. Für mich ist das der konsequenteste Ansatz, Motorsport und Serienentwicklung miteinander zu verzahnen.

Anschließend an Frage 8: Welche Kommunikationsschwerpunkte leiten sich für Sie aus dem 24h-Rennen ab und welche Bedeutung hat dabei für Sie der Faktor Nordschleife? 
a.    In der Aktivierung vor Ort
Vor Ort steht das unmittelbare Markenerlebnis im Mittelpunkt. Es geht darum, Performance nicht nur sichtbar, sondern erlebbar zu machen – durch Nähe zur Marke, exklusive Einblicke und direkte Kontaktpunkte wie Lounge, Showroom oder Tribüne.
b.    in der nationalen / internationalen Kommunikation rund um das Rennen? 
In der internationalen Kommunikation nutzen wir das Rennen als glaubwürdige Bühne für unsere Performance-Kompetenz. Der entscheidende Punkt ist: Wir zeigen unsere Leistungsfähigkeit nicht im Labor, sondern im realen Wettbewerb unter Extrembedingungen.
c.    In der strategisch langfristigen Kommunikation?
Langfristig zahlt unser Engagement auf die Positionierung von Mercedes-AMG als High-Performance-Marke ein. Die Nordschleife ist dabei der sichtbarste Beleg für unsere Leistungsfähigkeit. Sie steht für Glaubwürdigkeit, Dauerhaltbarkeit, technische Substanz und den Anspruch, uns kontinuierlich unter den härtesten Bedingungen zu beweisen.